Friedensfahrt 2019: Gelebte Geschichte – oder: Per Rad von Auschwitz nach Berlin

Auschwitz. Heute haben wir uns in einer mehrstündigen Führung mit dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau auseinandergesetzt. Die Sprachlosigkeit und das betretene Schweigen sind drängenden Fragen gewichen: Warum machen Menschen so etwas? Was können wir dagegen tun?

Unsere Gedanken haben wir auf Postkarten festgehalten und diese in unsere Heimatstadt verschickt. Über mögliche Antworten werden wir in den nächsten Tagen sehr viel auf dem Fahrrad diskutieren, völlig einig sind wir uns jedoch über den Sinn unserer Tour: Friedensfahrt 2019 – weil das Thema eben kein ‚Vogelschiss der deutschen Geschichte’ ist.“

„Etappe Auschwitz-Gliwice. Heute haben wir Auschwitz verlassen. 64 km, 26 Grad, kein Gegenwind. Nach sieben Stunden dann die Ankunft in Gliwice. Auf der Straße viele polnische Begegnungen: Staunen, Winken und Lachen.

42 Schülerinnen und Schüler in gelben Warnwesten auf dem Fahrrad, in Gliwice gern gesehen. Die Begrüßung im städtischen Internat, unserer heutigen Übernachtungsmöglichkeit, viel herzlich aus. Schüler und zwei Lehrerinnen (Deutsch und Englisch) der polnischen Partnerstadt veranstalteten Kennenlernspiele und ein gemeinsames Abendessen.

Dann der Besuch der Radiostation ‚Gleiwitz’. Ein historischer Ort mit viel Lokalkolorit: Der inszenierte Überfall auf den ‚Reichssender Gleiwitz’ am 31. August 1939 diente den Nationalsozialisten als Vorwand für den Überfall auf Polen am 1. September 1939 – der Beginn des Zweiten Weltkrieges.“

„Gliwice. 7.30 Uhr. Deutsch-polnischer Gottesdienst. Der bislang beeindruckendste Moment unserer ‚Friedensfahrt 2019’. Die Stadt Gliwice hat eigens für uns einen deutschsprachigen Gottesdienst organisiert. Wir waren die Ehrengäste, die ersten vier Reihen der Kirchenbänke nur für uns reserviert.

Das Thema – natürlich: Frieden. ‚Lasst die Friedensfahrt auch nach Eurer Ankunft nicht enden’, gab uns der Priester von der Kanzel mit auf den Weg. Anschließend segnete er uns. Wir revanchierten uns mit Fürbitten. Der Priester dankte es uns und betonte: ‚Viele der hier Anwesenden haben sehr unter den Deutschen gelitten. Deshalb ist es ein wichtiges Zeichen, dass die junge deutsche Generation hier und heute mit den älteren Polen betet.’ Spätestens nach diesen Worten waren wir uns der großen Bedeutung des anschließenden ‚Friedensgrußes’ vollends bewusst.“

„Opole & Olawa. Willkommen zu Gast bei Freunden in Polen. 42 Schülerinnen und Schüler in gelben Warnwesten und blauen Fahrradhelmen auf österreichischen Fahrrädern.

Neugierige Einheimische: Staunen, Lachen und Winken allerorts. Kein Drängeln und kein Hupen auf den Straßen, wenn 42 Radfahrer Kolonne fahren. Gelassenheit und Aufgeschlossenheit auch bei unseren polnischen Gastgebern: In Opole empfing uns die Schulleitung samt Kollegium einer Grundschule, in der wir übernachteten, bei unserer Ankunft mit einem herzhaften polnischen BBQ. Wir revanchierten uns mit Gesellschaftsspielen – das Fehlen einer Dusche fiel dann nicht weiter ins Gewicht.

Abends dann kollegiale Gespräche über das deutsche und polnische Schulsystem. In Olawa knüpften wir daran an. Nach einem intensiven Abend wurden wir am Morgen mit einem üppigen Frühstücksbuffet auf die nächste Strecke verabschiedet. An diesen beiden Stationen hat sich einmal mehr gezeigt: Es kommt auf die Menschen an, die Schule gestalten und leben.“

„Prochowicze. In Prochowicze haben wir in einer Feuerwache – leider ohne Dusche – übernachtet und uns bei der Ankunft sehr über den umfunktionierten Feuerwehrschlauch gefreut. 90 Kilometer bei 35 Grad sind einfach kein Spaziergang…“

„Szprowoda. In Szprowoda wurden wir sehr herzlich vom Bürgermeister empfangen. Das Medieninteresse bei unserem Termin im Rathaus war hoch. Im Rathaus haben die AMG-Schüler die Beckumer Gastgeschenke – eine Fahrradklingel – verteilt.“

„Gubin – Fürstenwalde. Um 12 Uhr mittags war es soweit: Wir überquerten die deutsche Grenze. Völlig unspektakulär. Kein Grenzhäuschen, kein Grenzer, nur ein schmaler Grenzstein wies uns den Weg. Doch kaum über der Grenze, setzte das Hupen und Meckern der Autofahrer wieder ein. Willkommen in Deutschland!“

„Berlin. Wir sahen es schon aus der Ferne. Das Brandenburger Tor. Mit der Durchfahrt durch das Brandenburger Tor endete unsere ‚Friedensfahrt’ offiziell. Jubel, Lachen, Fotos allerorts. Dann mussten wir auch schon weiter: Zeitzeugengespräche, Abend- und Mittagessen, Stadtführungen auf den Spuren jüdischen Lebens, Besuch des Holocaust-Mahnmals sowie des Anne-Frank-Hauses. Das Willkommensprogramm der Konrad-Adenauer-Stiftung bildete den Abschluss einer sehr gelungenen ‚Friedensfahrt’ und sorgte für das ein oder andere Aha-Erlebnis. Etwa im Dokumentationszentrum des Holocaust-Mahnmals, wenn die in Auschwitz besuchten Orte nun als Fotos Teil einer Ausstellung waren. Oder bei der gemeinsamen Reflexion über Grenzen und Chancen einer angemessenen Erinnerung an die vielen Opfer des Nationalsozialismus im Anne-Frank-Haus.“